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Ein Krieg mit vielen Enden

Das Osmanische Reich zwischen 1911 und 1923

von Julia Weiler  

11. September 2015

 

Der Erste Weltkrieg ging von 1914 bis 1918 – Schulbuchwissen, von uns als Fakt verinnerlicht. Eigentlich beschreiben diese Daten aber nur die Situation in den westeuropäischen Staaten, meint RUB-Historiker Markus Koller. Im Osmanischen Reich dauerte der Erste Weltkrieg wesentlich länger.

Konstantinopel, das heutige Istanbul, im Jahr 1910 – kurz bevor für das Osmanische Reich der erste Weltkrieg begannDie Geschichte des Osmanischen Reiches und der Türkei erforscht Markus  Koller an der RUB.Osmanische Armee im Balkankrieg

„Für die Menschen in Istanbul ist 1914 nicht unbedingt eine einschneidende Erfahrung “, sagt Prof. Dr. Markus Koller, Leiter des Lehrstuhls für die Geschichte des Osmanischen Reiches und der Türkei. Vielmehr ist dieses Jahr eine Fortsetzung der Kriegserfahrungen aus den Jahren zuvor. 1914 bis 1918, die Daten, die wir in Deutschland als Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs erinnern, beschreiben eigentlich nur die Situation in Westeuropa. Historiker Koller bevorzugt eine globalere Perspektive: „Gelten diese Daten beispielsweise auch für das Osmanische Reich, das immerhin ein Bündnispartner Deutschlands war?“, fragt er. „Ich möchte die Leute zum Nachdenken anregen. Was bedeutet Weltkrieg, wenn man das Wort ‚Welt‘ stärker betont?“ Für die Menschen im Osmanischen Reich bedeutet es, dass der Krieg nicht nur vier Jahre währte, sondern zwölf bis dreizehn Jahre.

Abb. 1© RUBIN, Foto: Gorczany

Prof. Dr. Markus Koller

Markus Koller ist Experte für Osmanische Geschichte (Abb. 1). Er hat sich nicht nur eingehend mit der Literatur und den Quellen beschäftigt, sondern pflegt einen intensiven Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in der Türkei und in den Balkanstaaten, hat selbst eine Weile dort studiert und gelebt. Neben Englisch und Französisch spricht er Türkisch, Kroatisch/Bosnisch/Serbisch und liest Osmanisch, Albanisch sowie Ungarisch. Die besten Voraussetzungen also, um die komplexe Geschichte dieser Region aufzuarbeiten und um zu verstehen, wie sich der Erste Weltkrieg für die Menschen im Osmanischen Reich dargestellt hat.

Mit den Balkankriegen 1912 und 1913 ist das Osmanische Reich bereits mitten drin im Ersten Weltkrieg, lautet die Einschätzung von Markus Koller. Die Balkanstaaten – im 19. Jahrhundert mithilfe der Großmächte neu gegründet – fechten erstmals ihre Territorialansprüche gegeneinander und gegenüber dem Osmanischen Reich aus. Letzteres muss dabei große Verluste hinnehmen. Die Balkankriege weisen verschiedene Merkmale auf, die auch für die Jahre 1914 bis 1918 charakteristisch sind. Zum ersten Mal gibt es eine Massenmobilisierung, eine Heimatfront entsteht: „Der Krieg erreicht alle Sphären der Gesellschaft“, beschreibt Koller. „Frauen müssen an die Heimatfront für die Verwundetenpflege und Waffenproduktion.“ Auch Massenarmeen treten auf den Plan, deren Größe gemessen an der Bevölkerungszahl beeindruckend ist. Hinzukommt der Einsatz von Waffentechniken, die zu Massentod und Massenverstümmelung führen. „Auch die blutigen Kämpfe, das anonymisierte Sterben in den Schützengräben, von dem die Soldaten im Ersten Weltkrieg berichten, gibt es schon zur Zeit der Balkankriege“, so der Bochumer Wissenschaftler. „Sie müssten meines Erachtens unbedingt zum Ersten Weltkrieg aus osmanischer Sicht mitgerechnet werden. Denn die Menschen waren betroffen. Sie sahen die Flüchtlinge, die Verwundeten. Sie lebten schon mitten im Krieg.“

Abb. 2© RUBIN, Foto: Gorczany

Das Osmanische Reich hatte lange Zeit eine Vormachtstellung in Kleinasien, im Nahen Osten, auf dem Balkan und auf der Krim.

Schon vor 1914 büßt das Osmanische Reich einen Großteil seines Territoriums ein (Abb. 2). 1911 erstreckt es sich noch von Südosteuropa bis zur Arabischen Halbinsel und in wenige Teile Nordafrikas, nämlich das heutige Libyen und Ägypten. Nach dem Ende des Balkankrieges 1913 sind fast ganz Südosteuropa und Nordafrika verloren. Massen von muslimischen Flüchtlingen drängen nach Anatolien. Der türkische Nationalismus wird im Kontext der Balkankriege zur dominanten politischen Option und drängt Ideen zurück, die auf eine reichsweite osmanische Identität abzielen. Die mit diesem Prozess verbundenen Gewaltformen lassen sich in den folgenden Jahren immer wieder beobachten.

Den Beginn des „Osmanischen Ersten Weltkriegs“ könnte man aber sogar noch vor den Ausbruch der Balkankriege setzen, nämlich 1911. „Man kann darüber streiten“, meint Koller. „Die Kriegserfahrung hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht so weite Teile der Bevölkerung erfasst.“ Aber Territorialverluste gibt es bereits – Italien besetzt Libyen –, und die Erfahrung dieser Zeit prägt die spätere türkische Elite. Mustafa Kemal Pascha, später Atatürk genannt und Begründer der modernen Republik Türkei, ist schon bei der Besetzung Libyens dabei. Seine Mutter flieht während der Balkankriege aus Thessaloniki. „Solche Erlebnisse fließen in die Biografien von großen Teilen der Elite der späteren Türkischen Republik ein“, beschreibt Koller.

Genauso wie der „Osmanische Erste Weltkrieg“ nicht 1914 beginnt, so endet er auch nicht 1918. Die von militärischen Auseinandersetzungen geprägte Phase hält bis etwa 1923 an. Entscheidend ist der Vertrag von Sèvres, mit dem die Siegermächte das Osmanische Reich in Besatzungszonen aufteilen – ein Pendant zum Vertrag von Versailles, der die Verhältnisse im Deutschen Reich regelt. Die darin festgehaltenen Bestimmungen stoßen auf erhebliche Widerstände und werden beispielsweise von den entstehenden nationaltürkischen Kräften abgelehnt. So viele Territorialverluste will man nicht hinnehmen. Während Istanbul immer noch die Hauptstadt ist, bildet sich aus der nationaltürkischen Bewegung ein neues Machtzentrum in Ankara heraus, unter Führung von Mustafa Kemal Pascha. Von hier geht der sogenannte Befreiungskrieg aus, in dem sich das Osmanische Reich gegen den Verlust des eigenen Territoriums wehrt und gegen die italienischen, französischen, britischen und griechischen Besatzungszonen in Anatolien.

„Es gibt aber noch weitere Gewaltebenen in dieser Phase, auf die der Begriff Befreiungskrieg nicht zutrifft“, gibt Markus Koller zu bedenken. „Die nationaltürkische Bewegung um Mustafa Kemal Pascha macht etwas, was zu der Zeit in Europa nicht selten ist. Sie versucht, die eigenen Gegner zu eliminieren, zum Beispiel wird die Führung der Kommunistischen Partei ermordet.“ Eine weitere Ebene der Gewalt findet sich in der nationaltürkischen Armee, der viele paramilitärische Verbände angehören. Ein Phänomen, das auch in den Armeen der Kriegsparteien während der Balkankriege zu beobachten war. „Das sind aus der Bevölkerung heraus rekrutierte Verbände, die zwar offiziell zur Armee gehören, aber oft auf eigene Faust und eigene Rechnung in Lokalkonflikte involviert sind“, erklärt Koller.

Die Überreste des Osmanischen Reiches sind zwischen 1918 und 1923 somit in verschiedene Gewaltebenen verstrickt und geprägt von Flucht- und Tötungserfahrungen. In Ankara bildet sich währenddessen die neue nationaltürkische Elite um den späteren Atatürk. In vielen Fällen ist sie kaum mit den Gegebenheiten im anatolischen Raum vertraut und lässt Modernisierungskonzepte auch aus der osmanischen Zeit in ihre Politik einfließen. Mit der Gründung der Republik Türkei endet 1923 weitgehend die Zeit der Konflikte und damit, wie Markus Koller sagt, auch der Erste Weltkrieg für das Osmanische Reich. Im gleichen Jahr übrigens, in dem er auch für das Ruhrgebiet vorbei war. Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Erste Weltkrieg nicht nur ein Ende hatte, sondern viele.

Osmanisches Reich

Das Osmanische Reich hat mehrere Jahrhunderte lang eine Vormachtstellung in Kleinasien, im Nahen Osten, auf dem Balkan und auf der Krim. Konstantinopel, das spätere Istanbul, ist seit 1453 die Hauptstadt. Massive Territorialverluste im 19. Jahrhundert läuten das Ende des Reiches ein, aus dem – neben einer Vielzahl anderer Staaten – 1923 die Republik Türkei hervorgeht.

Ruhrkampf 1923

Weil Deutschland mit Reparationslieferungen im Rückstand ist, besetzen französische und belgische Truppen Anfang 1923 das Ruhrgebiet. Daraufhin wird die Bevölkerung zum passiven Widerstand aufgerufen: Generalstreiks legen einen Teil der Infrastruktur lahm, Reparationszahlungen werden eingestellt. Dadurch entsteht erheblicher wirtschaftlicher Schaden, der die Inflation und somit die Wirtschaftskrise zuspitzt. Der passive Widerstand muss schließlich aufgegeben werden. Auf Druck der USA und Großbritanniens endet 1923 jedoch auch die Besetzung des Ruhrgebiets durch die belgisch-französischen Truppen.

Kontakt zum Fachbereich

Prof. Dr. Markus Koller
Geschichte des Osmanischen Reiches und der Türkei
Fakultät für Geschichtswissenschaft
Ruhr-Universität Bochum
44780 Bochum
Tel. 0234/32-24670
E-Mail: markus.koller@rub.de

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