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Elektrotechnik & Informationstechnik 2015 (Sonderheft) » Elektrisch pendeln

Elektrisch pendeln

Wie alltagstauglich sind Elektroautos?

von Meike Drießen  

16. Januar 2015

 

Wären Elektroautos günstiger in der Anschaffung, könnten sie zur echten Alternative für Berufspendler werden. Das würde das Klima schonen und Geld sparen.

Stammt der Strom zum Fahren aus erneuerbaren Energien, ist das elektrische Fahren am umweltfreundlichsten. Aber selbst betrieben mit Strom aus fossilen Quellen ist der CO2-Ausstoß geringer als beim Benziner. Elektroautos gehört die Zukunft, davon ist Prof. Dr. Constantinos Sourkounis überzeugt, denn irgendwann wird es sich einfach keiner mehr leisten können, Benziner zu fahren.An einer Schnellladesäule lässt sich der Akku eines E-Autos innerhalb von 20 Minuten voll aufladen.Elektroautos fahren sich bequem, sind agil und lassen so manche „dicke Karosse“ an der Ampel einfach stehen. Ein schnellladefähiges Elektroauto aus der Flotte der RUB, hier auf der universitätseigenen Testanlage. Flott unterwegs: Die Studienteilnehmer waren nach ihren Testfahrten regelrecht euphorisch.

Die Vorteile der Elektromobilität sind bekannt: Weniger CO2-Ausstoß als Autos mit Verbrennungsmotor, dazu noch preisgünstiger fahren als mit Benzin. Trotzdem haben sich Elektroautos noch lange nicht durchgesetzt. RUB-Forscher haben ihre Eignung für Berufspendler getestet – die Verkehrsteilnehmer mit dem höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf in Deutschland.

Abb. 1

Prof. Dr. Constantinos Sourkounis © RUBIN, Foto: Schirdewahn

50 Prozent aller Berufstätigen in der Bundesrepublik sind Berufspendler; in der Definition der Wissenschaftler um Prof. Dr.-Ing. Constantinos Sourkounis (Abb. 1) heißt das: Sie fahren täglich zwischen 40 und 120 Kilometer von ihrer Wohnung zu ihrem Arbeitsplatz und dieselbe Strecke wieder zurück. Die Betroffenen sind die Verkehrsteilnehmer mit den meisten selbst gefahrenen Kilometern pro Jahr und entsprechend auch dem höchsten CO2-Ausstoß. Würden sie auf Elektroautos umsteigen, wäre ein nennenswerter Beitrag geleistet, um die Emission des klimaschädlichen Gases zu reduzieren. Die Forscher wollten also wissen: Eignen sich Elektroautos für Berufspendler? Und wie ist die Akzeptanz der E-Autos in dieser Gruppe?

Abb. 2

Ein schnellladefähiges Elektroauto aus der Flotte der RUB, hier auf der universitätseigenen Testanlage. © RUBIN, Foto: Schirdewahn

Um das zu klären, suchten sie im Projekt „Alltagstauglichkeit von Elektromobilität – Langstreckeneignung und -akzeptanz“ berufspendelnde Probandinnen und Probanden per Aufruf. „Wir hatten weit mehr Bewerber als Plätze in der Studie – es ist also durchaus ein großes Interesse da“, sagt Constantinos Sourkounis. 310 Leute konnte er in die Studie aufnehmen, dazu noch etwa 100 bei Projektpartnern wie der GLS-Bank in Bochum, den Stadtwerken Bochum und dem Umweltservice Bochum. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin bekam für eine Woche ein schnellladefähiges Elektroauto gestellt (Abb. 2), entweder aus der Flotte der RUB, die zehn Fahrzeuge umfasst, oder von einem der Partner. Schnellladefähige Autos können an einer entsprechenden Ladesäule binnen zwanzig Minuten aufgeladen werden (Abb. 3). Außerdem kann man sie zum Beispiel über Nacht an eine normale Steckdose anschließen, um die Akkus aufzuladen. Ihre Reichweite beträgt rund 120 bis 150 Kilometer mit einer Batterieladung. In der zweiten Woche tauschten die Testpersonen das Auto gegen ein anderes mit sogenanntem Range Extender. Diese Autos fahren ebenfalls elektrisch. Wenn der Akku leer ist, springt allerdings ein benzinbetriebener Generator an, der den Strom für das Fahren liefert (Abb. 4). So steigt die Reichweite der Autos auf 400 bis 500 Kilometer – wobei nur 40 bis 80 Kilometer bis zum Anspringen des Range Extenders mit Akkustrom gefahren werden können.

Abb. 3

An einer Schnellladesäule lässt sich der Akku eines E-Autos innerhalb von 20 Minuten voll aufladen. © RUBIN, Foto: Schirdewahn

Zusätzlich bekamen die Nutzer eine Landkarte, in der sämtliche schnellladefähigen Ladesäulen für die E-Autos in der Umgebung verzeichnet waren. Dank der Koordinaten konnten sie die Standorte einfach in ein Navigationsgerät eingeben und sie unkompliziert finden.

Vor den Testwochen und nach jeder Woche füllten die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer einen umfangreichen Fragebogen aus. Darin fragten die Forscher die Erwartungen an die E-Autos ab und ermittelten die Zufriedenheit und Akzeptanz der Probanden mit ihren beiden getesteten Autos. Eignet sich das Auto für die alltägliche Nutzung? Ist das Laden leicht oder braucht man technisches Hintergrundwissen? Wie war der Komfort? Diese und viele andere Fragen wurden beantwortet.

Abb. 4

Eine Anzeige informiert den Fahrer über den aktuellen Ladestand des Akkus. © RUBIN, Foto: Schirdewahn

Ergebnis: „Vorher waren die meisten Probanden noch vorsichtig in ihrer Einschätzung der Elektroautos. Nachher waren sie regelrecht euphorisch“, sagt Constantinos Sourkounis. Besonders gelobt wurde das bequeme Fahren – Elektroautos lassen sich nicht abwürgen, leicht parken, sind agil und lassen so manche „dicke Karosse“ an der Ampel einfach stehen (Abb. 5). „30 Prozent der Befragten haben angegeben, sie würden ihr jetziges Auto beim nächsten Wechsel durch ein Elektroauto ersetzen“, so Sourkounis, „allerdings unter einigen Bedingungen.“

Da wäre zunächst der Preis. Obwohl Elektroautos in jüngster Vergangenheit günstiger geworden sind, sind speziell Kleinwagen noch wesentlich teurer als entsprechende Autos mit Verbrennungsmotor. Ein E-Kleinwagen kostet 28.000 bis 30.000 Euro – ein ähnlicher Benziner nur 11.000 bis 12.000 Euro. Weniger groß ist die Preisdifferenz bei Autos mit Range Extender, die eher der Mittelklasse angehören. Hier kostet die Anschaffung rund 40.000 Euro. Abhängig von der Ausstattung kann man für andere Mittelklassewagen mit Verbrennungsmotor ähnliche Preise zahlen. „Ein Auto mit Range Extender kommt daher als vollwertiger Ersatz eines Familienautos der Mittelklasse durchaus in Frage“, stellt Constantinos Sourkounis fest. Einziges Manko: Die E-Autos sind Viersitzer – der fünfte Sitz fehlt Familien mit mehr als zwei Kindern. Elektroautos ohne Range Extender sind eher als Zweitwagen denkbar.

Abb. 5

Elektroautos fahren sich bequem, sind agil und lassen so manche „dicke Karosse“ an der Ampel einfach stehen. © RUBIN, Foto: Schirdewahn

Technisch gesehen sind beide Konzepte für Pendler geeignet. Aus Sicht der Nutzer müssten jedoch vor allem bei Kleinwagen ohne Range Extender die Preise sinken. „Ein Preisunterschied von 10.000 bis 12.000 Euro lässt sich durch die Ersparnis beim elektrischen Fahren im Laufe der Lebensdauer eines Autos kompensieren“, rechnet Constantinos Sourkounis. Bei den durchschnittlichen Preisen für Strom und Benzin fährt man elektrisch zurzeit rund acht Euro pro 100 Kilometer günstiger. Hinzu kommt die günstigere Wartung von E-Autos, die zum Beispiel keinen Ölwechsel brauchen. Nach 130.000 Kilometern hat sich die Anschaffung des E-Autos damit amortisiert. Bei einer angenommenen Lebenszeit von 2000 Ladezyklen des Akkus kann ein E-Auto rund 200.000 bis 220.000 Kilometer zurücklegen.

Ein weiterer Kritikpunkt der Testpersonen betrifft die schnellladefähigen Ladesäulen. Noch gibt es nur wenige – im Bochumer Stadtgebiet zum Beispiel nur fünf, wobei die Stadt damit Vorreiterin ist. „Immerhin gibt es aber jetzt einen einheitlichen Standard für Deutschland“, so Sourkounis, „und ich rechne damit, dass die Säulen mehr werden, wenn es mehr Elektrofahrzeuge gibt.“ Dass es so kommen wird, ist für ihn eine Frage der Zeit. Denn auf Dauer werden es sich immer weniger Mitbürger leisten können, Benziner zu fahren.

Umweltfreundlicher als Benziner sind sie übrigens selbst dann, wenn der Strom nicht aus erneuerbaren Energien stammt: Wenn man von einem Wirkungsgrad, das heißt von einem Anteil der verwendeten Energie einer Energiequelle, in Kohlekraftwerken von 40 Prozent ausgeht und noch 20 Prozent Energieverlust im Antriebsstrang einrechnet, liegt man immer noch besser als ein herkömmlicher Verbrennungsmotor. Bei optimalen Bedingungen liegt sein Wirkungsgrad bei 32 bis 34 Prozent – bei normalem Fahren allerdings nur durchschnittlich bei 16 bis 17 Prozent. „Intelligente Ladekonzepte könnten sogar Strom aus erneuerbaren Energien liefern und E-Auto-Akkus als dezentralen Energiespeicher nutzen“, erklärt Constantinos Sourkounis.

Mehr Infos im Internet: http://www.enesys.rub.de/

 

Kontakt zum Fachbereich

Prof. Dr.-Ing. Constantinos Sourkounis
Energiesystemtechnik und Leistungsmechatronik
Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik
Ruhr-Universität Bochum
44780 Bochum
Tel. 0234/32-25776
E-Mail: sourkounis@enesys.rub.de

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