RUB » RUBIN » 

Sie sind hier

Themenschwerpunkt: Wenn Science-Fiction und Forschung verschmelzen » Standpunkt: „Wir sind mittendrin in der Diskussion um Menschenzucht“

Standpunkt: „Wir sind mittendrin in der Diskussion um Menschenzucht“

Ein Kommentar zum biomedizinischen Fortschritt

von Maren Lorenz  

29. März 2016

 

Maren Lorenz erforscht historische Utopien der Menschenzucht. Häufig sieht sie Anknüpfungspunkte zur Gegenwart. Ein Kommentar

Prof. Dr. Maren Lorenz rekonstruiert Utopien zur Menschenzucht aus der Frühen Neuzeit.

Nicht mehr nur im Fruchtwasser, sondern auch im Blut von Schwangeren können Ärztinnen und Ärzte inzwischen testen, ob ein Kind bestimmte Behinderungen haben wird. Immer neue Vorsorgeuntersuchungen suggerieren künftigen Eltern eine trügerische Sicherheit. Die Pharmalobby setzt gerade durch, dass Krankenkassen solche Labortests in Zukunft finanzieren, denn dahinter steckt eine riesige Geldmaschinerie. Dabei wird nur eine geringe Anzahl der häufigsten Behinderungen geprüft. Eine Garantie für ein gesundes Kind gibt es angesichts der unendlichen Möglichkeiten von Mutationen und Entwicklungsstörungen nach wie vor nicht.

Die Diskussion darüber, was wertes und was unwertes Leben sei, bleibt eine philosophisch-theologische Minderheitendebatte. Die Entscheidungsnot wird durch immer neue diagnostische Verfahren weiter verschärft und faktisch auf das einzelne Paar abgewälzt. Dadurch entsteht ein enormer Druck. Sind Eltern selbst schuld, wenn sie ein behindertes Kind zur Welt bringen? Dürfen sie sich nicht beschweren, wenn sie im Kindergarten, in der Schule, im Alltag, keine besondere Unterstützung bekommen? Sie hätten das Kind ja abtreiben können.

Die ethischen Implikationen der Pränataldiagnostik stehen wie ein Elefant im Raum, aber kaum jemand redet über sie. Stattdessen entsteht ein Hype um die biomedizinische Grundlagenforschung, und viele Forscher sehen es nicht als ihre Verantwortung an, sich um die individuellen wie gesellschaftlichen Folgen der Technologie, die sie entwickeln, Gedanken zu machen.

Gleichzeitig erfahren die Geisteswissenschaften immer weniger Rückhalt und werden an vielen Orten zu reinen Lehramtsstudiengängen zurückgestuft. Dabei müssen sie gerade jetzt kontinuierlich die Entwicklung unserer Gesellschaft, ihren Normenwandel erforschen, beschreiben und vermitteln und so die Rahmenbedingungen liefern, damit wir mit neuen Techniken verantwortungsvoll umgehen können. Vor allem zu den revolutionären biomedizinischen Verfahren muss sich die Gesellschaft positionieren. Wir sind mittendrin in der Debatte um die Menschenzucht, die erst so richtig Fahrt aufzunehmen scheint.

Forschung von Maren Lorenz: Utopien zur Menschenzucht aus der Frühen Neuzeit

http://rubin.rub.de/de/menschenzucht-ohne-gentechnik

Kontakt zum Fachbereich

Prof. Dr. Maren Lorenz
Geschichte der Frühen Neuzeit und Geschlechtergeschichte
Fakultät für Geschichte
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 22542
E-Mail: lehrstuhl-fnzgg@rub.de

Download hochauflösender Bilder

Markieren Sie die gewünschten Bilder und akzeptieren Sie unsere Nutzungsbedingungen.
Der Download der gewählten Bilder erfolgt als ZIP-Datei.

Nutzungsbedingungen
Die Verwendung der Bilder ist nur im Kontext der Berichterstattung zu
RUBIN – Wissenschaftsmagazin der RUB und unter Angabe der entsprechenden Copyrights für die Presse frei.



Ich akzeptiere die Nutzungsbedingungen.