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Themenschwerpunkt: Stress » Dem Stress ein Schnippchen schlagen

Dem Stress ein Schnippchen schlagen

Im Gespräch mit Georg Juckel

von Meike Drießen  

3. November 2014

 

Der Stress in unserer Gesellschaft nimmt immer weiter zu, und das hat Folgen für die Gesundheit. Prof. Dr. Georg Juckel zu Strategien gegen Stress im Alltag

Prof. Dr. Georg Juckel

Es scheint, als stünden alle immer unter Stress. Ist es „in“ im Stress zu sein oder wächst der Stress tatsächlich?

Zunächst mal ist Stress nicht gut oder schlecht: Es wirkt ein Reiz auf uns, mit dem wir klarkommen oder nicht. Beim Eustress, dem positiven Stress, funktioniert das gut, Anspannung und Entspannung halten sich die Waage. Wenn dieses Verhältnis allerdings zugunsten der Anspannung kippt oder unsere Ressourcen nicht ausreichen, um den Anforderungen gerecht zu werden, resultiert das im Disstress, dem negativen Stress. Und der hat enorm zugenommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Stress und stressbedingte Erkrankungen zu den wichtigsten Erkrankungen des modernen Menschen erklärt.

Was verursacht denn die Zunahme dieses negativen Stresses?

Die Leistungsgesellschaft, die Vereinzelung, mehr Licht in der Nacht, zum Beispiel bei Schichtarbeitern, die allgemeine Beschleunigung durch Handys, Smartphones, Mail.

Bemerken Sie die Folgen im klinischen Alltag?

Die Folgen sehen wir an vielen Stellen, vor allem im ambulanten Bereich. Psychologen und Psychiater sind sehr damit beschäftigt, Menschen aufzufangen, die immer mehr arbeiten, Mobbing erleben, vom Burn-out-Syndrom bedroht oder betroffen sind. Bei vielen stimmt die Life-Work-Balance nicht mehr. Oder sie haben auch in ihrer Freizeit Stress, mit dem Partner, den Kindern. Irgendwann sind die Batterien einfach leer. Im günstigen Fall kommen die Leute früh, im ungünstigen erst nach dem klassischen Nervenzusammenbruch oder einem Selbstmordversuch mit Blaulicht in die Klinik. Daher unsere starken Bemühungen um Früherkennung und Prävention.

Was wir aber auch feststellen: Die Gesamtzahl aller in der Bevölkerung vorhandenen psychischen Störungen hat nicht wirklich zugenommen. Aber die Rate der Entdeckung und die Zuordnung als psychische Störung ist unter anderem durch Enttabuisierung deutlich gestiegen: Was vorher unklar oder verschämt „Rücken“ war, wird heutzutage richtigerweise zum Beispiel als Depression diagnostiziert. Bei 30 Prozent der körperlich erkrankten Patienten steckt eine psychische Störung als Ursache dahinter oder tritt zeitgleich auf. Das erklärt auch den starken Anstieg der Arbeitsunfähigkeitstage aus psychischen Gründen. Im gleichen Maße, in dem Frühverrentungen wegen psychischer Störungen zunehmen, nehmen sie wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen ab.

Was kann der Einzelne gegen Stress unternehmen, damit es nicht zu ernsthaften Erkrankungen kommt?

Da Stress mit der Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu tun hat, kommt es darauf an, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Das heißt quantitativ Arbeit und Freizeit in einen Ausgleich zu bringen und die Arbeit zu entschleunigen. Da geht es um Strukturen, Zeitmanagement, Informationen. Es ist ein Unterschied, ob ich fünf Dinge gleichzeitig tue oder sie hintereinander abarbeite. In der Freizeit sollte die Arbeit ausgeblendet sein: Keine Mail checken, das Handy ausschalten. Da sollte man verstärkt regenerative Dinge tun, zum Beispiel schlafen, sich bewegen, sich gesund ernähren, Beziehungen pflegen. Die Lebensführung zu ändern ist der erste Schritt. Man muss sich fragen: Bin ich unentbehrlich? Muss ich immer etwas tun? Mache ich Pausen, auch in der Freizeit?

Was wir sehr empfehlen, ist das Erlernen von Entspannungstechniken, allem voran Yoga. Das tut Körper und Seele gut. Ich habe Patienten, die klinken sich im Stress bei der Arbeit für fünf Minuten aus und machen Yoga-Meditation, dann geht es weiter. Nicht hereinfallen sollte man natürlich auf vermeintliche Seelentröster wir Süßes, Zigaretten, Alkohol. Die erzeugen auf Dauer gleich wieder neue Probleme.

Das Gespräch führte Meike Drießen.

Kontakt zum Fachbereich

Prof. Dr. med. Georg Juckel
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin
LWL-Universitätsklinikum Bochum
Alexandrinenstr. 1-3
44791 Bochum
Tel. 0234/5077-1100
E-Mail: georg.juckel@wkp-lwl.org

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