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Das vergessene Wissen ums Mittelmeer

Die deutsche Gesellschaft zur Zeit des Nationalsozialismus

von Julia Weiler  

5. Oktober 2015

 

Wenn heute in Deutschland über das Mittelmeer geschrieben oder gesprochen wird, kommen die Jahre 1933 bis 1945 so gut wie nicht vor. Eine erstaunliche Wissenslücke, findet Historikerin Christine Isabel Schröder. Was wussten die Deutschen zur Zeit des Nationalsozialismus über das Mittelmeer, und woher kommt unser heutiges Wissen über die Region?

Was wussten die Deutschen zur Zeit des Nationalsozialismus über das Mittelmeer? Diese Frage treibt Historikerin Christine Isabel Schröder um.Eine praktische Quelle für die Bochumer Historikerin: Das Brockhaus-Lexikon spiegelt das Allgemeinwissen der Gesellschaft zu bestimmten Zeiten wider.Der Begriff Mittelmeer tauchte in den 1930er-Jahren zum ersten Mal im Lexikon auf; früher wurde es als Mittelländisches Meer bezeichnet.An Quellen mangelte es Christine Isabel Schröder für ihre Arbeit nicht. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde einiges über das Mittelmeer veröffentlicht.Zehntausende deutsche Soldaten kämpften im Zweiten Weltkrieg in der Mittelmeerregion, die hier auf einer Karte in der Tornisterschrift der Wehrmacht „Schlag nach über das Mittelmeer“ gezeigt ist. Dennoch wird diese Epoche in der deutschen Nachkriegszeit nicht erzählt.

Über die Zeit des Nationalsozialismus wird in Deutschland viel gesprochen. In bestimmten Bereichen gibt es jedoch erstaunliche Wissenslücken, sagt Christine Isabel Schröder, Doktorandin am Zentrum für Mittelmeerstudien. „Eigentlich wollte ich mich in meiner Promotion überhaupt nicht mit dem Nationalsozialismus beschäftigen“, erzählt sie. „Aber in Vorträgen zum Mittelmeer fiel mir immer wieder auf, dass die Leute nie von der Periode zwischen 1933 und 1945 berichtet haben.“ Ihre Recherchen bestätigten, dass es über die Zeit fast ausschließlich militärhistorische Betrachtungen zur Mittelmeerregion gibt. Sie interessiert sich hingegen dafür, was die Gesellschaft wusste und wie dieses Wissen nach 1945 weitergetragen wurde.

Abb. 1

Durch das Wirtschaftswunder entwickelten sich die Deutschen in den Fünfzigerjahren zum Reiseweltmeister. Aber viele von Ihnen hatten schon zur Zeit des Nationalsozialismus das Mittelmeer für sich entdeckt. Quelle: http://www.wirtschaftswunder-museum.de

„Viele Leute haben die Vorstellung, dass die Deutschen das Mittelmeer in den Fünfzigerjahren für sich entdeckten, als mit dem Wirtschaftswunder das Reisefieber begann“, sagt Schröder. „Aber das stimmt nicht. Reisen waren schon im 19. Jahrhundert ein bildungsbürgerliches Ideal und wurden zur Zeit des Nationalsozialismus zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen.“ (Abb. 1 bis 3) Ein erstes Indiz dafür, dass das Mittelmeer durchaus schon vor den Fünfzigerjahren im Bewusstsein der Deutschen war.

Um einen Einblick in das früher vorhandene Allgemeinwissen der Bevölkerung zu erlangen, kann Christine Isabel Schröder auf eine sehr nützliche Quellenform zurückgreifen: die Lexika von „Brockhaus“ und „Meyer“, die das essenzielle Wissen zu einer bestimmten Zeit beinhalten. Ausgehend vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er-Jahre schaute sie sich alle Ausgaben an. „Dabei fiel mir auf, dass es die Begriffe Mittelmeer und Mittelmeerraum, die aus dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken sind, vor dem Nationalsozialismus gar nicht gab“, so die Historikerin. Im 1932 erschienenen Brockhaus-Band tauchte erstmals ein Eintrag zum Stichwort Mittelmeer auf, das vorher nur als Mittelländisches Meer bezeichnet wurde. Im heute „Brauner Meyer“ genannten Lexikon, den das Bibliographische Institut Leipzig unter nationalsozialistischer Regie zwischen 1936 und 1942 herausgab, war dann auch vom „Mittelmeerraum“ die Rede.

Abb. 2© Bundesarchiv, Plak 003-018-048/Grafiker: Lothar Wüst

In Erzählungen über das Mittelmeer klafft im deutschsprachigen Raum eine Lücke zwischen 1933 und 1945. Dabei reisten die Deutschen zu dieser Zeit gern in die mediterrane Region, wie dieses Plakat aus dem Jahr 1938 zeigt.

Der Raum stellte das zentrale Konzept der völkischen Geopolitik im Nationalsozialismus dar, die damals als Wissenschaft angesehen wurde, heute als Pseudowissenschaft verstanden wird; sie beschäftigte sich damit, wie die geografischen Gegebenheiten angeblich den Menschen, seine „Rasse“ und Lebensweise sowie die Politik bestimmten. In der NS-Ideologie entstand die Vorstellung vom „Volk ohne Raum“, das neue Siedlungsgebiete brauchte, die durch die Ostexpansion erobert werden sollten. „Im lexikalischen Wissen existierte der Begriff des Mittelmeerraumes vor dem Nationalsozialismus schlichtweg nicht“, erklärt Schröder. „Es war stets von Region oder Gebiet die Rede.“

Der Raumbegriff, geprägt in der NS-Zeit, ist bis heute erhalten geblieben. Im „Großen Brockhaus“ von 1955 erhält der Mittelmeerraum zum ersten Mal einen eigenen, relativ langen Eintrag. Der Text befasst sich zu zwei Dritteln mit der Frühzeit und archäologischen Themen. Es folgt ein Abschnitt über das Mittelalter und die frühe Neuzeit sowie ein weiterer kurzer Absatz über die Bedeutung des Suez-Kanals im 19. Jahrhundert. Anschließend schildert der Text, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige strategische Positionen im Mittelmeer besetzten. „Dort steht nichts vom Krieg im Mittelmeerraum, in dem zehntausende Deutsche gekämpft haben“, sagt Christine Isabel Schröder. Und diese Lücke weisen die Lexika noch heute auf. Sie sei programmatisch für die deutsche Wissensgeschichte des Mittelmeers im 20. Jahrhundert. Die Kriegsverbrechen und Massenvernichtungen der Juden, die die Deutschen und ihre Verbündeten im mediterranen Gebiet begingen, sind kaum im Allgemeinwissen verankert. Dies sei umso frappierender, so Schröder, weil die Mittelmeerländer nach wie vor zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen gehören. Für ihre Postdoktorandenzeit hat die Wissenschaftlerin bereits ein Projekt geplant, in dem sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen die Wissenslücke zur Gewaltgeschichte des Mittelmeerraums schließen möchte.

Obwohl das Wissen über die Zeit von 1933 bis 1945 in den Konversationslexika nicht niedergeschrieben ist, setzen sich Diskurse aus dieser Zeit auch nach 1945 fort. Schröder: „Man spricht vielleicht nicht mehr von Geopolitik, aber Teile des Wissens davon sind erhalten geblieben.“ Ein Beispiel: Der „Große Brockhaus“, der kurz vor der nationalsozialistischen Herrschaft erschien, schreibt dem Mittelmeer eine verbindende Funktion zu – ein „Vermittler zwischen Orient und Okzident“. Die Ausgabe von 1955 stellt den Mittelmeerraum hingegen als Ansammlung von politisch zersplitterten Ländern voller Gegensätze dar; nun heißt es Orient versus Okzident. „Im lexikalischen Wissen wird das Mittelmeer also zunächst als Einheit entworfen und erst später durch die geopolitische Brille des Nationalsozialismus fragmentiert“, fasst die Wissenschaftlerin zusammen. „Und zwar mit einer bemerkenswerten Kontinuität über 1945 hinaus.“

Abb. 3© Bundesarchiv, Bild 146-1978-124-03/Fotograf: Hans Retzlaff

Die Deutschen lernten das Mittelmeer nicht erst in den Fünfzigerjahren in Scharen kennen, wie viele glauben. Dieses Foto aus den 1930er-Jahren zeigt Werkscharmänner auf der Fahrt nach Neapel.

Zweifellos war die Mittelmeerregion geopolitisch für die Nationalsozialisten nicht so interessant wie Russland oder Polen. Aber die mediterranen Länder bekamen durchaus Aufmerksamkeit, wie eine steigende Zahl der Publikationen Mitte der 1930er-Jahre zeigt. Im Leipziger Goldmann-Verlag erschien ab 1936 etwa die Reihe „Weltgeschehen“. Ganze elf Titel widmete sie dem Mittelmeer und seinen Anrainerstaaten. Das Mittelmeer tauchte auch in der „Schlag nach“-Reihe auf, die das Bibliographische Institut herausgab, das Mutterhaus des „Meyer“. Die Heftchen hatten den Anspruch, für wenig Geld Allgemeinwissen an die Leute zu bringen. Im Krieg wurden sie im Auftrag der Wehrmacht zu Hunderttausenden aufgelegt, um die Soldaten über ihre jeweiligen Einsatzgebiete zu informieren. Dazu gehörte auch eine große aufklappbare Karte des Mittelmeerraums, die eine klare Vorstellung des zu erobernden Gebiets verschaffen sollte. „Die Soldaten trugen das Mittelmeer und seinen ‚Raum‘ mit sich im Tornister herum“, sagt die Bochumer Forscherin. Es war somit allgegenwärtig. Heute wissen das aber nur noch wenige. Mit ihrer Arbeit möchte Christine Isabel Schröder das in Vergessenheit geratene Wissen über die mediterrane Region zur Zeit des Nationalsozialismus rekonstruieren. „Das Beseitigen dieses Nicht-Wissens ist die Basis für ein politisches und zivilgesellschaftliches Miteinander auf Augenhöhe“, sagt sie, „für eine versöhnliche Zukunft des euromediterranen Projekts.“

Kontakt zum Fachbereich

Christine Isabel Schröder
Zentrum für Mittelmeerstudien
Ruhr-Universität Bochum
Konrad-Zuse-Straße 16
44801 Bochum
Tel. 0234/32-29718
E-Mail: christine.schroeder@rub.de

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