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Interdisziplinäres Zentrum für Familienforschung

Interdisziplinäres Zentrum für Familienforschung

von Birgit Leyendecker und Axel Schölmerich  

6. Dezember 2009

 

Wissenschaftliche Fragestellungen und gesellschaftliche Problemfelder sind sich in einem sehr ähnlich: sie ordnen sich nicht im Rahmen der etablierten Fächergrenzen – obwohl diese in ihrem historischen Ursprung wohl schon entlang innerer Logik und gesellschaftlicher Relevanz entstanden sind. Hier liegt die Chance und Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit, die auch die Abgrenzungen der akademischen Disziplinen immer wieder neu definierbar macht.

PD Dr. Birgit Leyendecker, Prof. Dr. Axel Schölmerich

Aus diesem Grund haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ruhr-Universität aus dem Bereich der Rechtswissenschaften, der Medizin, der Sozialwissenschaften und der Psychologie zu einem Interdisziplinären Zentrum für Familienforschung an der Ruhr-Universität (ICFR) zusammengeschlossen. Wir verbinden hiermit die Hoffnung, sowohl für die Forschung im engeren Sinne als auch die Anwendung und Politikberatung einen Kreis von Kolleginnen und Kollegen zusammen zu bringen, die die unterschiedlichen Komponenten eines Problemkreises auf der Höhe der Kunst ihres jeweiligen Faches verstehen und beleuchten können. Dabei geht es nicht um eine institutionelle Verankerung, sondern um den sachlich-fachlichen Austausch. Natürlich verfolgen wir hiermit auch das Ziel, im Wettbewerb um Forschungsförderungsmittel durch Dialog- und Interaktionsmöglichkeiten beste Chancen zu haben. In diesem Sinne ist das Interdisziplinäre Zentrum für Familienforschung offen für alle Angehörigen der Ruhr-Universität.

„Familie“ kann ganz unterschiedlich definiert werden, etwa als Zweckverband zum Heranziehen der nächsten Generation; als Produktionseinheit für Güter (auch Vertrauen, Liebe und sogar Glück sind Güter in diesem Sinne), die sonst am Markt nicht erhältlich sind; als Träger und Übermittler von kulturellen Werten und als ökonomische Einheit. Auch die Erscheinungsformen einer Familie sind vielfältig: neben der Zweigenerationenfamilie gibt es Mehrgenerationenfamilien, Lebenspartnerschaften, nichteheliche Lebensgemeinschaften und Patchwork-Familien mit komplexen Verwandtschaftsstrukturen. Abgrenzungen sind immer ungenau, und nicht alle Einzelfälle lassen sich in ein Schema einordnen. Konstitutives Merkmal scheint uns zu sein, dass Familien Menschen über verschiedene Generationen hinweg verbinden, Eltern mit Kindern und Erwachsene mit ihren Eltern – insofern spielt der demographische Wandel hier eine besondere Rolle.

Vielschichtig erscheint auch die Lage der zugewanderten Familien. Ihre Kinder haben die große Chance, bilingual aufzuwachsen und Kompetenzen in mehreren Kulturen zu erwerben. Ob dies jedoch gelingt, hängt zum einen von ihren Familien ab, die ihnen die Bedeutung der Herkunftskultur vermitteln und gleichzeitig tolerante Unterstützung bei dem Erkunden der Möglichkeiten der Aufnahmekultur bieten müssen. Das Gelingen solcher individueller Entwicklungsprozesse ist auch von den Lebensbedingungen der Region, der Qualität von Bildungseinrichtungen und gesellschaftlichen Faktoren abhängig.

Familien geben Schutz und Unterstützung, aber es gibt auch Lebensumstände, in denen sie der Entfaltung der Persönlichkeit im Wege stehen oder Anlass zu intensiven Konflikten geben. Inwieweit man familiäre Verantwortung oder die Rolle im Generationenwechsel als Ressource oder als Risiko betrachten muss, hängt vom Einzelfall und einer ganzen Reihe von Umständen ab. Jedenfalls wird bei dieser Betrachtung klar, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erhebliche Wirksamkeit entfalten und auch gerade im Kontext dysfunktionaler Prozesse verantwortliches Handeln der Umgebung erfordern – wozu wiederum multidisziplinäres Fachwissen notwendig ist. Für die Erfassung und Beurteilung der Vielfalt und der Dynamik der unterschiedlichen Formen des familiären Zusammenlebens sind interdisziplinäre Kooperationen unverzichtbar.

Dieses Heft ist der Familie und dem demographischen Wandel gewidmet, als ein gutes Beispiel für Betrachtungen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, die sich trotzdem zu einem Mosaikbild zusammenfügen. In fast allen Beiträgen in diesem Heft werden die Anwendungsaspekte sehr deutlich. Dabei kann es sich um Politikberatung, um die Identifikation besonderer Risiken für bestimmte Bevölkerungsgruppen oder um die Erprobung sachgerechter technischer Hilfsmittel zur Lösung einzelner Probleme handeln. Die Beiträge in diesem Heft verdeutlichen auch, dass Familien immer wieder vor neue Entwicklungsaufgaben gestellt werden. Kinder werden geboren, die Balance von Familie und Beruf wird zur Aufgabe, Arbeitslosigkeit kann dazu führen, dass eine Familie ihre gewohnte Wohnumgebung verlassen und sich plötzlich in einem ganz anderen Sozialraum wiederfindet, der charmante Partner entpuppt sich nach einigen Ehejahren als Egomane, die eigenen Alterungsprozesse werden zunehmend spürbar und die eigenen Eltern brauchen vielfältige Unterstützung und Zuwendung. Themen wie Rente, erben und vererben, und das Aufhalten des geistigen und motorischen Alterungsprozesses gewinnen so an Relevanz.

Über die Anwendung hinaus stellen sich aber aus den Beiträgen auch wieder neue Forschungsfragen. Den Titel einer familienfreundlichen Einrichtung kann man einer Forschungsinstitution nur dann verleihen, wenn die Thematik auch in der Forschung bearbeitet wird. So bleibt die Beschäftigung auch mit den Problemen von Studierenden, Mitarbeitern, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die sich aus der Kombination der Familiengründungsphase und den entscheidenden und ertragreichsten Jahren der beruflichen Karriere im Lebensverlauf ergeben, eine dauerhafte Aufgabe für das Interdisziplinäre Zentrum für Familienforschung. Auch weitere Einrichtungen, wie die im Aufbau befindliche Kindertagesstätte UniKids an der Ruhr-Universität, die mit flexiblen Betreuungszeiten Kindern zwischen vier Monaten und sechs Jahren offen stehen wird, können durch Einbringen forschungsbasierten Fachwissens nur profitieren. Die vielfältigen Facetten dieses Hefts zeigen, dass die Ruhr-Universität sich nicht nur als Arbeitgeber um familienfreundliche Bedingungen bemüht, sondern der Thematik Familie und demographischer Wandel auf unserem Campus hohe Aufmerksamkeit zukommt.

Prof. Dr. Axel Schölmerich und PD. Dr. Birgit Leyendecker, Entwicklungspsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität, sind Mitbegründer des Interdisziplinären Zentrums für Familienforschung an der Ruhr-Universität Bochum (ICFR).

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