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Energie sparen unter Nachbarn

Energie sparen unter Nachbarn

Konzepte für Gewerbeparks

von Meike Drießen  

31. Juli 2015

 

Abwärme nutzen statt Heizwärme einkaufen, neue Beleuchtung, effizientere Prozesse: RUB-Ingenieure entwickeln Energiesparkonzepte für Gewerbeparks. Ein Online-Tool hilft Wirtschaftsförderern und Klimaschutzmanagern Sparpotenziale abzuschätzen.

Modell eines Stirlingmotors – eine effektive Art Wärme zu nutzen, um zum Beispiel einen elektrischen Generator zur Stromerzeugung anzutreiben.

Wenn in einem Gewerbegebiet ein Unternehmen Abwärme erzeugt und ein anderes Heizenergie einkauft, wäre es da nicht vernünftig, einen Tausch zu vereinbaren, um Energie und Kosten einzusparen? Ja, findet das Projektteam von „GET.Min“ um Prof. Dr.-Ing. Hermann-Josef Wagner vom Lehrstuhl Energiesysteme und Energiewirtschaft (Abb. 1). Im Auftrag des Bundesumweltministeriums haben die Forscher gemeinsam mit der „EnergieAgentur.NRW“ und der Firma „econius“ sowie einem Webtoolunternehmen in vier Gewerbeparks Energiesparkonzepte entwickelt und umgesetzt.

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg: Zunächst standen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor der Frage, welche Gewerbeparks sich als Beispiele gut eignen. „Es gibt zwar keine vollständige Liste der Gewerbegebiete, aber die ‚EnergieAgentur.NRW‘ hat einen guten Überblick und konnte uns bei der Suche unterstützen und erste Kontakte vermitteln“, erklärt Dominik Möllenbrink vom Projektteam. Bei der Auswahl der vier Parks berücksichtigten die Forscher, dass kein Gewerbegebiet ist wie das andere. So unterscheiden sich auch die gewählten Beispiele in Waldbröl, Viersen, Siegen und Medebach deutlich, beispielsweise in ihrer Lage und ihrer Branchenzusammensetzung (Abb. 2). Denn Ziel war es, die Ergebnisse aus dem Projekt möglichst übertragbar auf andere Gewerbeparks zu machen.

Abb. 1© RUBIN, Foto: Gorczany

Prof. Dr.-Ing. Hermann-Josef Wagner

Zumeist gibt es in den Gewerbeparks ein bis drei wirklich große Unternehmen, die auf dem Weltmarkt aktiv sind, und mehrere kleinere. Insgesamt sind rund 50 Firmen mit dabei. Nicht alle in den gewählten Gewerbeparks ansässigen Unternehmen sind am Projekt beteiligt. „Die Ansprache lief über die Gewerbeämter, und schon da war die Unterstützung für das Projekt unterschiedlich intensiv“, erzählt Mitarbeiter Dominik Möllenbrink. „Die großen Unternehmen agieren oft als Zugpferde, wobei die kleineren schwieriger für das Projekt zu gewinnen waren. Die Mitarbeiter haben einfach sehr wenig Zeit für das Thema Energiesparen, weil sie zumeist noch viele andere Aufgaben versehen, etwa Qualitätsmanagement oder Produktionsfragen und ähnliches. Das Tagesgeschäft geht natürlich immer vor.“

Um das Projekt vor Ort ans Laufen zu bringen, wurde ein sogenannter Parkranger für Energie eingesetzt. Er bot Workshops zu verschiedenen Themen an – beispielsweise Prozesswärme, Druckluft, Beleuchtung und elektrische Antriebe – und vermittelte Kontakte zwischen den einzelnen Unternehmen. Außerdem regte er Einkaufsgemeinschaften für Energie an. Seine Aufgabe war es auch, in den Unternehmen Experten für verschiedene Energiefragen ausfindig zu machen, die dann in einer Expertendatenbank gelistet wurden. „So können alle Unternehmen auf dieses Spezialwissen zugreifen“, erläutert Projektmitarbeiterin Kathrin Hoffmann. „Konkurrenz zwischen den Firmen spielt in dem Fall ja keine Rolle, da alle in ganz verschiedenen Branchen aktiv sind.“

Der „Parkranger“ war auch derjenige, der bei fehlenden Daten verschiedene Messungen in den Unternehmen durchführte. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, da Großkonzerne alle Schritte mit der Konzernmutter abstimmen müssen und häufig kein grünes Licht dafür bekamen, einen praktisch Fremden im Unternehmen Daten erheben zu lassen. In anderen Firmen konnten die Messungen gar nicht oder nur in begrenztem Umfang stattfinden, weil die Verantwortlichen befürchteten, laufende Prozesse dadurch zu beeinträchtigen – und ein einmal gut laufender Prozess wird nur sehr ungern angetastet. Wo die Messungen stattfanden, lieferten sie allerdings oft erhellende Ergebnisse. In einem Fall etwa wurde so ein energieraubender Defekt aufgespürt und konnte behoben werden.

Abb. 2© RUBIN, Foto: Gorczany

Die RUB-Forscher untersuchten vier Gewerbeparks in NRW, um Energieeinsparpotenziale zu identifizieren.

Einfacher, als die Messungen durchzuführen, war es, ein Umdenken in unkritischen Bereichen einzuleiten, zum Beispiel in Fragen der Beleuchtung. „Warum sollte das Licht etwa in einer Lagerhalle immer brennen, wenn sie nur wenige Male am Tag betreten wird“, fragt Hendrik Hasenclever. „Da ließ sich leicht eine alte Gewohnheit abändern. Auch eine Umstellung der Außenbeleuchtung auf energiesparende LED-Leuchtmittel spart binnen kurzer Zeit viel Geld ein. Davon lassen sich Unternehmen recht einfach überzeugen.“ Als Faustregel gilt, dass sich Maßnahmen innerhalb von zwei bis drei Jahren rechnen sollten, um überzeugend zu sein. „Die Tendenz geht dabei sogar zu immer kürzeren Fristen bis hin zu drei Monaten“, stellt Hermann-Josef Wagner fest. Insgesamt haben die Forscher erlebt, dass die persönliche Einstellung der verantwortlichen Mitarbeiter beim Energiesparen eine Hauptrolle spielt. Der finanzielle Anreiz zum Energiesparen ist weniger groß, als man meinen könnte, weil die Energiekosten gemessen am gesamten Umsatz ein eher kleiner Posten sind. „Zehn Prozent Einsparungen sind unserer Erfahrung nach aber immer machbar“, so Hermann-Josef Wagner.

Der Energietausch zwischen Abwärme erzeugenden und Heizwärme benötigenden Partnern stellte sich übrigens als schwieriger umsetzbar heraus als angenommen. Die Gestaltung der Vereinbarungen zwischen den Unternehmen bergen viele Schwierigkeiten: Was etwa, wenn die Abwärmeproduktion aus welchem Grund auch immer einmal ausfällt? In diesem Fall müsste die abnehmende Firma eine Ersatzlösung bereithalten und die Kosten dafür einkalkulieren – das schmälert wiederum den Gewinn aus dem gesamten Deal.

Um die Ergebnisse aus dem Projekt nutzbar für weitere Gewerbeparks zu machen, haben die Forscherinnen und Forscher ein Webtool entwickelt, das sich unter anderem an Wirtschaftsförderer oder Klimaschutzmanager der Kommunen richtet. Schnell und einfach lässt sich so ein Einsparpotenzial abbilden. Im „Quick-Check“ braucht man dafür nichts als Branche und Mitarbeiterzahl einzugeben. Der „Detail-Check“ erfordert genauere Angaben zum Beispiel zu Strom- und Wärmeverbrauch und liefert dann auch eine genauere Auswertung. „Dieser Check ist der erste seiner Art in Deutschland, und das erste Instrument, das überhaupt einen Überblick über den Energieverbrauch in Gewerbegebieten erlaubt“, sagt Hermann-Josef Wagner. Sein Team stellte fest, dass die Nachfrage nach solchen Instrumenten wächst. Sie hatten inzwischen schon mehrere Anfragen von Industrie- und Handelskammern, anderen Universitäten und Städten. „Auch politisch wird das Thema gerade stark gefördert. Es sind bis 2018 über 300 Millionen Euro EU-Mittel für entsprechende Projekte ausgeschrieben“, so Prof. Wagner. Die Forscher haben durch ihr Projekt, das noch bis Herbst 2015 läuft und mit 2,15 Millionen Euro gefördert wird, einen Vorsprung erarbeitet und sind sozusagen Trendsetter.

Projekt-Webseite: www.getmin.de

Kontakt zum Fachbereich

Prof. Dr.-Ing. Hermann-Josef Wagner
Lehrstuhl Energiesysteme und Energiewirtschaft
Fakultät für Maschinenbau
Ruhr-Universität Bochum
44780 Bochum
Tel. 0234/32-28044
E-Mail: lee@lee.rub.de
www.lee.rub.de

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